Chroniken der Obscurae Voces II
Vom Blutpreis der Ressourcen und den stillen Lastern des Friedens
Die Stimmen sind nicht leiser geworden. Wenn überhaupt, klingen sie klarer, schärfer, als hätten sie beschlossen, dass in Pax Dei kein Platz ist für Halbherzigkeit. Seit dem letzten Bericht wuchs unser Lager nicht nur an Stein und Holz. Es wuchs an Geschichten. Und an den Dingen, die Geschichten in dieser Welt immer nähren: Konflikt, Beute und der Preis, den man dafür zahlt.
In Lyonesse, dort wo Ruinen ihre Zähne zeigen und jeder Schatten wie eine Klinge wirkt, geht Svenjamin seinem Handwerk nach. Unermüdlich, fast schon unheimlich regelmäßig, zieht er aus, als hätte er einen Schwur geleistet, den niemand laut ausgesprochen hat. Er kämpft dort gegen andere, nicht aus roher Lust am Streit, sondern weil er verstanden hat, was viele erst lernen, wenn sie mit leeren Händen vor ihren Werkbänken stehen: Ressourcen sind Macht. Und Macht ist in Pax Dei selten ein Geschenk. Meist ist sie etwas, das man jemand anderem abnimmt.
Man erzählt, Svenjamin komme zurück, wenn die Luft nach Eisen schmeckt, seine Rüstung von fremden Treffern gezeichnet, die Hände schwer von Beute. Wertvolle Dinge, die in stillen Kisten verschwinden, bevor noch jemand die richtigen Fragen stellen kann. Und doch gibt es Beute, über die im Clan gesprochen wird, weil sie nicht nur nützlich, sondern verlangte Beute ist. Kanonit und Bernsteinkralle müssen für Michael Starlight her. Nicht, weil er sie braucht, um Mauern zu bauen oder Waffen zu härten. Sondern, weil der Kaiser eingeölt werden will.
Wer neu bei uns ist, hält das zunächst für einen Scherz, für eine seltsame Redensart. Aber die Alten wissen: Im Schattenreich der Obscurae Voces sind manche Rituale nicht verhandelbar. Der Kaiser verlangt sein Öl. Und wer Michael kennt, weiß: Wenn er etwas verlangt, dann nicht halb, nicht irgendwann, sondern jetzt. Kanonit, Bernsteinkralle, die kostbaren Stücke aus Lyonesse – sie sind plötzlich nicht mehr bloße Materialien, sondern Tribut. Der Clan lacht darüber, ja. Doch jedes Lachen endet in Bewegung. Denn am Ende muss irgendwer das Zeug holen.
Während draußen Schwerter sprechen, wächst im Lager etwas, das wie ein Gegenzauber wirkt: Alltag. Taris, der offenbar entschied, dass selbst im Schatten ein Mensch ein Zuhause verdient, errichtet sich sein Eigenheim direkt neben dem Clangebäude. Stein um Stein, Balken um Balken. Es ist ein eigenartiger Anblick, wie neben einem Ort, der nach Krieg riecht, ein Heim entsteht, das nach Zukunft aussieht. Vielleicht ist es Trotz. Vielleicht Hoffnung. Vielleicht einfach der Wunsch, eine Tür zu haben, die man schließen kann, wenn die Stimmen zu laut werden.
Polaris wiederum ist in etwas verfallen, das man in einem kampflustigen Clan nicht immer offen bewundert, aber heimlich dringend braucht: die Kunst der Schneiderei und die Heilung. Er näht, er flickt, er stopft die Risse, die der Kampf hinterlässt – in Stoff und Körper. Und je mehr der Clan in Lyonesse Blut lässt, desto mehr wird Polaris stiller Dienst zur zweiten Front. Wer ihn beobachtet, könnte fast glauben, er fände Frieden in diesen Handgriffen. Als wären Nadel und Verband seine Antwort auf das Chaos der Schlacht.
Elyra bleibt, wie sie ist: die Lageristin, die zwischen Ordnung und Wahnsinn eine dünne Linie zieht. Man könnte meinen, die Kisten hätten sie längst besiegt. Doch sie steht noch. Sie zählt, sortiert, notiert und hebt den Blick nur selten, als wäre jede falsche Ablage eine kleine Gotteslästerung gegen das, was sie mühsam erschaffen hat. Manche sagen, Elyra führe ihr eigenes Gericht über den Clan. Nicht mit Strafe. Sondern mit dem stillen, vernichtenden Urteil ihres Schweigens.
Und während Elyra versucht, dass der Clan nicht an seinem eigenen Durcheinander erstickt, ist Remark draußen im Grünen. Nicht, um Mauern zu setzen wie zuvor, sondern um Pflanzen und Pilze zu suchen. Alchemie. Eine Kunst, die verspricht, den Kampf zu beeinflussen, ohne dass man eine Klinge ziehen muss. Wer ihn mit Körben voller seltsamer Gewächse zurückkehren sieht, merkt schnell: Auch das ist Kriegsvorbereitung. Nicht jeder Sieg beginnt mit einem Schwert. Manche beginnen mit einem bitteren Sud, der zur richtigen Zeit über die Lippen läuft.
So stehen wir nun da, zwischen zwei Wahrheiten: In Lyonesse wird gekämpft und geraubt, weil man es muss. Im Lager wird gebaut, geheilt, gesammelt und gebraut, weil man sonst daran zerfällt. Und irgendwo dazwischen, in den Gesprächen am Feuer und im Klang von Werkzeugen, liegt dieses seltsame, düstere Band, das uns zusammenhält.
Obscurae Voces wächst. Nicht nur an Stärke. Auch an Schatten.
Zweiter Tagebucheintrag von Polaris
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